haarestage

Antinarrativa // Krauthaar

In Antinarrativa on 15. Mai 2012 at 11:32 am

Ollheidi, sagt Krauthaar. Vielleicht sagt sie auch: Ollreidi, all ready, alright. Krauthaar hat eine eigene Sprache manchmal.

Am Dienstag ist Krauthaar schlecht gelaunt, weil schon Mai ist und die Reifen gewechselt werden müssen. Die wollen einen nur abzocken, sagt Krauthaar, da sehen sie eine Frau und denken, mit der können sies machen. Krauthaar sagt: Nicht mit mir. Krauthaar sagt: Da sagen die mir, der TÜV ist abgelaufen seit einem Jahr, lachhaft. Und fletscht eine Zahnreihe himmelwärts.

Die Haare fallen lotrecht. Mit Schwung rückt Krauthaar ihr Gesicht in die Gerade und fährt mit der flachen Hand über die Nase zum Schniefen.

Ollheidi, sagt Krauthaar und wedelt mit den Fingern schnell durch den Aktenordner auf dem Beifahrersitz. Die langen Fingernägel sind gelb vom Kleben von  Klebezetteln. Schweiß unter Handrückenhaar.

Das kann jetzt  noch zwei Stunden, sagt einer. Krauthaars Blick himmelwärts, Drehung des Kopfs um von unten auszusehen wie von oben herab. Wie eine Eisheilige auf zu früh Gepflanztes blicken würde.

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Sommerstück

In DDR-Literatur, Literatur on 11. Mai 2012 at 10:12 am

Christa Wolf. Viele Tage vergehen mit diesem Buch im Rucksack, beschwerliches Hervorkramen, Lesen einer Seite, das Zufallen der Augen. Erst ab Seite 100, ab einer allmählichen Besserung der Lebenseinstellung, einer Abschwächung der Lebenstraurigkeit (das kommt vor) geht es schneller voran mit diesem Buch.

Christa Wolf SommerstückEin sehr wichtiges Buch. Verständlich ist, wenn es als „DAS Buch der Bücher“ bezeichnet wird oder „eine Ursehnsucht“ anlegt.

Vor allem auch ein persönliches Buch. Für diesen einen Leser zumindest, der sich vor Anstrengung kaum bei Laune halten konnte. Aber es war gut.

Eine zentrale Figur ist wohl Ellen, die Schriftstellerin, die nicht schreiben kann, sich ihres Alterns bewusst wird, zweifelt:

Irgendwann würde sich doch die Unlust an dem geschriebenen Wort wieder auflösen müssen.

(S. 37)

Daß eine Erwiderung nur für kurze Zeit gilt. Daß die Erzählung ihr Material tötet, indem sie sich von ihm nährt.

(S. 85)

Ellen zieht mit Jan, ihrem … Lebensgefährten, das wird nicht so genau gesagt, in ein Haus auf dem Land, nach Mecklenburg. Dieser Ort mit „in mißfarbige Dederonblusen gezwängten großbusigen Frauen, die schwitzend miteinander auf der Tanzfläche herumhüpften.“ (S. 184) Das Haus, bald zu einer Person geworden, stellt sich zwischen die Schriftstellerin und das Schreiben.

Sollte man nicht, anstatt den Ofen abzuwischen, die Sätze notieren, die einem im Kopf herumgingen. Andererseits: Wieso sollten die Sätze wichtiger sein als ein sauberer Ofen.

(S. 21)

Diese Krise des Schreibens weitet sich aus auf die gesamte Lebenserzählung von Ellen, die sich vorstellt, wie anders ihr Leben verlaufen wäre, wenn sie nicht mit dem Schreiben angefangen hätte, wenn sie ein anderes Leben gewählt hätte.

Die Natur wäre an die Stelle der Bücher getreten, der Umgang mit den Büchern wäre nicht als Beruf mißbraucht worden, sie hätten ihren Zauber bewahrt. Dafür wäre der Wald, als Ort der Berufsausübung, entzaubert worden.

(S. 88f.)

Das Gefühl, zu nichts zu gebrauchen zu sein, außer zu diesem entzauberten Gebiet der Literatur, es ist frustrierend.

Klar, daß sie genau verstand, worum es ging, und daß es ein reines Ablenkungsmanöver war, wenn sie jetzt anfing, von ihrer Einseitigkeit zu reden und davon, daß sie eigentlich gar keine Eignung gehabt habe, für gar keinen Beruf, und daß dies ihr oftmals, während sie studierte, große Angst gemacht hatte.

(S. 146)

Welcher Literaturstudent, welche Komparatistin fühlt da nicht mit. Das erste wichtige Thema scheint die Schreibkrise zu sein, aus der heraus die Schriftstellerin bis zum Ende nicht findet, auch wenn der erste Absatz ein wenig darauf hindeutet, dass mit der nach dem Sommer wieder einsetzenden Herrschaft der Erinnerung über das Leben (vgl. S. 7) das Erzählen einsetzen kann.

Dann die Liebe. Es kommt die Frage auf,

seit wann es eigentlich diese Zwangsvorstellung von der glücklichen Einzelliebe gebe.

(S. 97)

Die Frage stellt Jenny. Indirekte Rede ist häufig im Buch. Das Wort ist nicht so leicht zu fassen.

Sie meine, seit wann vor dem inneren Auge eines jeden Mitteleuropäers, wenn er das Wort „Glück“ höre, ein Paar auftauche, das sich gegenüberstehe und zwischen denen gerade „der Blitz“ einschlage. All dieser Unsinn. Die romantische Liebe als Lebensersatz. All das.

(S. 97f.)

Es gibt ein Stück im Stück, eine Mise en Abyme. Die sommerlichen Dorfmenschen, sie führen ein Stück auf, in dem jeder sich selbst spielen soll. Es soll erst heißen: „Liebe als Gefangenschaft“.

Den Titel könne man allgemeiner wählen. Neutraler. Etwas wie „Landleben“. Oder, noch besser: „Sommerstück“.

(S. 148)

Für dieses Stück gibt es keinen Autor.

Da sich leider kein Autor dingfest machen lasse, sei alles erlaubt.

(S. 150f.)

Braucht die Schriftstellerin die Selbstaufgabe, um zum Schreiben frei zu sein?

Ellen blieb fest, wahrte ihre Konturen. Das war keine Fähigkeit, sondern ein Unvermögen, das sich als Fähigkeit tarnte. Das eingefleischte Unvermögen zur Selbstaufgabe.

(S. 9)

So ist das also. Das Gefangensein im Körper, leib-haftig zu sein.

Und wie die Frage hervortreten würde, woher diese Angst kam, und was wir unser Leben lang tun, sie einzusperren. Sie zu verbergen. Ihr zu entrinnen. Sie loszuwerden. Sie zu vergessen. Abzutöten. Ach, wir halben Leichen.

(S. 165)

Sich der Angst stellen, aus sich heraus kommen, entgleisen. Eine Zelle entgleist, so heißt es an einer anderen Stelle über den Krebs, der sich in der Leber von Steffi bildet. (Dieses Zitat ist bezeichnenderweise nicht auf dem Notizzettel vermerkt.) Steffi macht Fotos, aus Bewältigung der Angst vor dem Tod, um zu zeigen, dass sie noch etwas zum eigenen Erinnern später hätte, weiterleben würde. (vgl. S. 140)

(Der literaturwissenschaftliche Reflex, hier jetzt Barthes zitieren zu wollen.)

Das Buch endet mit einem Dialog zwischen Ellen und der sterbenden Steffi, der unwirklich wirkt, weil viel zu literarisch. Das Gespräch mit einem Sterbenden, das nicht stattgefunden hat. Das Gespräch mit einem Toten. Oder: Wie so ein Gespräch stattfinden sollte, wenn alle Umstände günstig sind. Die Herrschaft der Erinnerung.

Weil du, immer schon, insgeheim gefragt hast: Was bleibt.

(S. 202)

Da haben wir es. Dummerweise sind es die Schreibkrise, die Liebe und der Tod, die hier im Vordergrund stehen, wenn man das so grob abstrahiert. Das Gähnen der Community ist schon vorauszuspüren. Der Leser ist froh, dieses Buch nicht in Ausübung eines literaturwissenschaftlichen Berufes gelesen zu haben.

Christa Wolf: Sommerstück. Frankfurt am Main: Luchterhand Literaturverlag. 2. Aufl. 1989.

Ausflug nach Brandenburg oder Potsdam

In Brandenburg on 1. Mai 2012 at 10:12 am

Zu: Antje Rávic Strubel: Gebrauchsanweisung für Potsdam und Brandenburg.

Ein Buch, das getrost der Brandenburger Mutter geschenkt werden kann. Nein, der Potsdamer Mutter. Was hier bedeutsam ist. In diesem Buch von Antje Rávic Strubel (warum der Künstlername Rávic für diese offensichtlich bürgerliche Auftragsarbeit? Marketing?) wird, wie der Titel andeutet, eine Teilung des Landes Brandenburg vorgenommen. Der urbane Teil, vertreten durch Potsdam, wird dem ländlichen gegenübergestellt. Es ist ja keine Sensation, dass ein Hans Vom Land (eine Nummernschildabkürzung für das Havelland, die leider nicht wie MOL, BAR, PM, GUB auf Seite 101 aufgelöst wird) andere Lebensbedingungen hat als eine Potsdamerin. Angefangen bei den öffentlichen Verkehrsmitteln (preußische – if you wish – Kulturstätten, zu erreichen 5mal täglich mit einem Bus) und überhaupt.

Potsdam will nur in Bezug auf Berlin anders sein. Aber eine Stadt. Brandenburg hingegen sei „eine Überdosis Dorf“ (S. 62), verrät uns die Autorin. Nun ja. Sanssouci als Pflichtübung, zu der brandenburgische Kinder mit auch nur entfernten Verwandten in der Metropolis (der an Potsdam grenzende Teil Berlins war ja früher ein wenig ausgegrenzt), das ist nachvollziehbar. Auch heute noch gelingt kein überzeugendes Mitgefühl für Menschen, die sich ein Leben in der Nähe dieses Parks als idyllisch ausmalen für ein regelmäßiges Spazierengehen. Kulturqual, preußische. (Schon wieder dieses Wort. Woher.) (Achja, vgl. S. 67.)

Das Buch wird der Mutter ausgeliehen. Überhaupt ist es nur Sammelleidenschaft, dieses Buch zurückzuverlangen. Viel spannender ist da die Figur der Freundin vom Dorf aus dem herrlichen Buch Vom Dorf von derselben Autorin.

Ungerührt bretterte sie in ihrem schlecht gepolsterten Trabi über das Kopfsteinpflaster des Havellands und hielt sich ansonsten an eine völlig private Höchstgeschwindigkeit.

(ARS: Vom Dorf, S. 90.)

So ist es. Was ein richtiger Havelländer ist, drängelt, wenn einer auf der B5 mit 110 dahinschleicht. In der Gebrauchsanweisung bleibt davon wenigstens noch das Befremden gegenüber den Automobilbesitzern mit B:

Der Berliner oder: die Bulette, wie die älteren Brandenburger ihre hauptstädtischen Nachbarn (sic!) liebevoll titulieren, fährt nur bei gutem Wetter aufs Land. Welche Gefahr von diesen ahnungslosen Sonntagsfahrern ausgeht, sobald es zu regnen beginnt, zeigen die Schilder, die man extra für sie erfunden hat. Sie verdeutlichen, was passiert, wenn ein Auto mit einem Baum kollidiert.

(S. 102.)

Ja, natürlich. Den Uckermärker oder Cottbusser soll man einem zeigen, der Berlin als Nachbarort begreift. Es ist, wie der Titel verspricht, ein Buch über Potsdam und Brandenburg. Potsdam an erster Stelle. Potsdam ist ja auch sexy und kann die ganze Repräsentationsarbeit übernehmen.

So weit, so inhaltlich. Der ichlastige Stil ist gewöhnungsbedürftig für Leser_innen von ARS und wirkt flapsig. Das ist gewollt, jaja, und steigert den Verkauf in der Generation einer Mutter, wir haben es verstanden, alles ist gut.

Literarische Bezüge gibt es trotzdem. Die bei Interflug arbeitende Mutter erinnert an Offene Blende. Außerdem wird die Tupolew 134 erwähnt (beides S. 104). Auf Antje Wagners Buch Unland wird angespielt, indem das Braunkohleabbaugebiet so bezeichnet wird. (Im gleichen Atemzug auch als „Arbeitergegend“, was natürlich Fragen aufwirft: Dass Arbeiter wo leben, macht die Gegend zu einem Unland, zu einem unwirtlichen Gebiet, einem schleunigst zu verlassenden Ort? Vgl. S. 214.)

Natürlich gibt es schöne Beschreibungen, witzige Passagen. Die Perspektive der vorbeisausenden Potsdamerin wird allerdings selten abgelegt und lässt die Ortsbeschreibungen (Schwedt ist ja gar nicht so hässlich, wie ich immer dachte, Mensch.) oberflächlich wirken.

Für Menschen, die nur mal eben ein bisschen was von diesem Gebiet mitkriegen wollen, durch das der ICE auf der Strecke nach Berlin immer durchfährt, ist es völlig ausreichend. Und für Potsdamer mit einem gewissen Maß an schmeichelnder Selbstironie sowieso.